Weihnachten
Weihnachten

Alles, was ich mir zu Weihnachten wünsche, bist du 

Auch in diesem Jahr habe ich wieder beim Adventskalender bei der Büchereule mitgemacht. Nachdem ich ewig überlegt habe, was ich denn schreiben könnte, habe ich einen Teil der Geschichte geträumt und musste alles drumherum direkt aufschreiben. Ist es jetzt schon so weit gekommen, dass ich kreativ träume? Das wäre ja ein Träumchen! 😉

Die Trauer nahm mich gefangen. Es war jetzt sechs Wochen her, als mich mein Verlobter Ben für immer verlassen hatte. Ich wusste schon von Beginn unserer Beziehung an, dass er krank war, aber die letzten sechs Jahre waren so unbeschwert gewesen, dass ich es schlicht verdrängt hatte. Vor acht Wochen ging es ganz plötzlich. Sein angeschlagenes Herz wurde zusätzlich durch eine noch nicht ganz auskurierte Erkältung geschwächt und schneller als wir gucken konnten, lag er im örtlichen Krankenhaus im Koma und wurde immer schwächer. Kein Medikament und keine noch so erfolgsversprechende Therapie half. Ich saß jedem Tag an seinem Bett auf der Intensivstation und erzählte ihm von unseren gemeinsamen Jahren, spielte seine Lieblingsmusik oder hielt einfach seine Hand. Trotz der Trauer wusste ich, dass es das Beste für ihn war. Er hätte nicht mehr so ein unbeschwertes Leben führen können, wie es all die Jahre der Fall war. Engmaschige Untersuchungen, viel Verzicht und vor allem körperliche Schwäche hatte man mir vorausgesagt, sollte er dies überleben. Ich wusste einfach, dass so ein Leben auch seine Psyche extrem angreifen würde und ob es noch andere körperliche Probleme geben würde, konnten mir die Ärzte zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen.  

Hier saß ich also nun, ganz alleine in meiner stillen Wohnung, die ich entgegen meiner sonstigen Gewohnheit nicht weihnachtlich geschmückt hatte. Normalerweise starteten bei mir die Vorbereitungen bereits Mitte November, denn bis dahin hatte ich alle Geschenke beisammen und konnte mich voll und ganz der Vorweihnachtszeit widmen. Nicht nur die Dekoration war mir wichtig ich buk Unmengen an Weihnachtsplätzchen, die ich in kleinen Geschenktüten allen Menschen schenkte, die in meinem Umfeld waren. Mitte November war auch der Zeitpunkt, zu dem ich anfing, Weihnachtsmusik zu hören. Ich hatte mir vor vielen Jahren eine Playlist erstellt, die ich jedes Jahr weiter auffüllte und so kam ich mittlerweile auf zehn Stunden Weihnachtsmusik am Stück. Das Ganze auf Zufallswiedergabe gespielt, hatte ich jeden Tag eine neue Zusammenstellung. Dazu kamen noch der ein oder andere Weihnachtsfilm, die ich selbstverständlich alle mitsprechen konnte. Ich muss zugeben, dass mein Umfeld und vor allem auch Ben, der gar nichts mit Weihnachten anfangen konnte, manchmal schon sehr genervt war. Aber was sollte ich tun? Weihnachten war einfach meine Passion und meine Leidenschaft. Mein rund um das Jahr geöffnetes Weihnachtsgeschäft, das erstaunlicherweise sehr viele Menschen anzog, war nun seit Wochen geschlossen und bei meinen wenigen Einkäufen im Ort traf ich einige, die mich fragten, wann ich wieder öffnen würde. Mittlerweile wurde das Geld knapp und ich hätte mich eigentlich bemühen müssen, nun endlich wieder in den Tritt zu kommen. Ich konnte mich einfach nicht aufraffen. Ohne Ben war mein Leben nicht mehr lebenswert.  

An Heiligabend, ich hatte alle Verabredungen ausgeschlagen, döste ich in meinem Lesesessel und hoffte, dass diese drei Tage, die mir mein Leben lang so viel bedeutet hatten, endlich vorbei gingen. Zu schmerzhaft waren die Erinnerungen an Schneespaziergänge mit Ben, an seine urkomischen Versuche, mit mir Weihnachtslieder vor der Bescherung zu singen und an seine strahlenden Augen, wenn er sah, wie sehr ich in meinen weihnachtlichen Vorbereitungen aufging. Mein Leben würde ohne dieses Fest ein völlig anderes werden. Trostlos, einsam und so langsam musste ich mir ja auch noch einen neuen Job suchen. Ausgeschlossen, dass ich je meinen Weihnachtsladen wieder eröffnen könnte.  

Annie, du musst aufstehen und zur Kokosnussgasse 7 gehen. Dort erwartet dich eine Überraschung. Du darfst nicht zögern, mach schon. Es ist wichtig! 

Hatte ich da Ben gehört? Ausgeschlossen! Woher sollte er kommen? Ich schloss meine Augen wieder die ich freudig überrascht geöffnet hatte und ließ mich wieder in den Sessel zurücksinken. Die Düsternis übermannte mich erneut.  

Annie, Mensch, jetzt mach endlich. Ich habe nicht ewig Zeit! Schlafen kannst du später noch. Ich bitte dich, raff dich auf! 

Schon wieder diese Stimme! Etwas darin klang drängend. Es war völlig verrückt, aber ich musste es versuchen. Meine Sehnsucht nach Ben war zu groß, um nicht nach jedem Strohhalm zu greifen. Also hievte ich mich hoch und zog erst langsam, dann immer schneller werdend meine Kluft an, die ich sonst bei unseren Schneespaziergängen trug. Für Nostalgie hatte ich jetzt allerdings keine Zeit. Den Weg zur Tür flog ich fast und spürte das erste Mal seit langem ein Kribbeln in meinem Bauch. Die Tür fiel hinter mir ins Schloss und ich betrat die menschenleere Straße. Ein wenig Wehmut mischte sich nun doch unter meine Trauer. Das Knirschen des Schnees unter meinen Stiefeln erinnerte mich an all die schönen Stunden, die ich in den verschiedenen Stadien des Lebens mit meinen Freunden draußen verbracht hatte. Wir hatten nicht nur Schneebälle geworfen und gebalgt, sondern auch Schneemänner gebaut und waren Schlitten gefahren. Jeder Schritt in Richtung Kokosnussgasse brachte mir schöne Erinnerungen zurück. Den wunderschön geschmückten Baum meiner Eltern, die liebevoll eingepackten Geschenke meiner Schwester, die Adventskalenderbücher, die ich schon mein ganzes lesendes Leben lang als Vorbereitung auf das Fest las und die weihnachtlich geschmückten Gassen unseres Ortes. Unerklärlicherweise wurde mein Herz bei jedem Schritt leichter und ich dachte nicht nur noch mit Dunkelheit in mir an Ben.  

Kaum war ich an der Kokosnussgasse 7 angekommen, erstarrte ich. Es gab gar keine Nummer 7. Es gab eine Nummer 5 und dann nur noch freies Feld.  

Du musst vertrauen! Den Blick schärfen für das Unwahrscheinliche und Übernatürliche, dann kommst du ans Ziel. Du schaffst das, ich weiß es! 

Von außen konnte man immer anfeuern und kluge Sprüche raushauen, aber wie setzte man das um? Ich schloss meine Augen und murmelte „Vertrauen, Unwahrscheinliches, Übernatürliches, Ziel, ich schaffe das!“ vor mich hin und versuchte mir zu glauben. Ich versuchte mir unser Traumhaus vorzustellen, dass wir einmal bauen wollten, und malte es mir in den buntesten Farben aus. Dann öffnete ich die Augen und erstarrte erneut.  

Unser Haus stand vor mir und davor stand Ben. Mein Ben, wie ich ihn kannte. Ich rannte fast schneller als mich meine Füße trugen, denn ich hatte Angst, dass er sich in Luft auflöste. Dann, Sekunden später, flog ich in seine Arme und weinte hemmungslos. Ich hatte ihn so sehr vermisst. Seine Arme um meinen Körper zu spüren und seinen warmen Atem in meinem Gesicht zu spüren, war das einzige gewesen, was ich je wieder spüren wollte.  

Nach einiger Zeit und als ich mich ein wenig beruhigt hatte, schob er mich ein Stück von sich weg. „Annie, mein Herz, du weißt, dass ich nicht real bin. Ich wollte dir nur zeigen, dass ich immer bei dir bin und dass ich möchte, dass du für unsere Träume kämpfst. Du darfst nicht aufgeben. Das verbiete ich dir. Du wirst wieder glücklich werden und mich für immer im Herzen tragen. Jetzt geh und lebe dein Leben! Du bist noch so jung und solltest nicht in Dunkelheit und Trauer leben.“  

Kaum hatte er zu Ende gesprochen, drehte er mich schon von sich weg und schob mich die Treppen herunter. Ich drehte mich um, um zu protestieren, aber ich sah voller Entsetzen, dass das Abbild von ihm immer blasser wurde und schließlich ganz verschwand.  

Ein seltsames Gefühl legte sich um mich. Ich nahm Geräusche wahr, die hier eigentlich nicht sein durften. Mit einem Ruck setzte ich mich auf. War das ein Traum gewesen? Ich spürte meine Tränen noch immer die Wangen hinunterlaufen und obwohl mein Herz immer noch schwer in meiner Brust schlug und ich mich am liebsten ins Bett gelegt hätte und nie wieder aufgestanden wäre, wusste ich was zu tun war. Ben hatte Recht. Ich musste es einfach schaffen, wieder ins Leben zu finden. Also machte ich mich auf die Suche nach meinem Handy. Mal sehen, ob meine Eltern mich auch ohne Geschenke und Weihnachtsvorbereitungen heute noch zum weihnachtlichen Festmahl einladen würden.  

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